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Wie wir in den vorherigen Kapiteln gesehen haben, verändert sich
das Inokulum innerhalb der zu berücksichtigenden Zeitspanne. In einer
Epidemie wird es also von einem Zyklus zum anderen zunehmen; jede neue
Läsion wird neues Inokulum produzieren, welches potenziell neue Infektionen
im gegebenen Zeitrahmen der Epidemie verursachen kann.
Wir berücksichtigen keinerlei limitierende Faktoren (Kapitel 5.2).
Die Menge produziertes Inokulum (und damit die neuen Infektionen) ist
zu jeder Zeit proportional zu dem momentanen Befall. Dabei nehmen wir an:
konstante Umweltbedingungen, keine Veränderung in der Wirt-Parasit-Beziehung
hinsichtlich Anfälligkeit/Resistenz, und der Wirt hat eine konstante
Grösse von 1. Wählt man die Einheiten von t sehr klein, erhält
man als Entwicklungsgeschwindigkeit der Epidemie:
dNt/dt = r * Nt V
Durch Integration kann der Befall zu jedem Zeitpunkt berechnet werden:
Nt= N0* er* t VI
mit N0= Integrationskonstante, erhalten bei t = 0: Nt=
N0. Dieser Wert entspricht dem Anfangsinokulum (eigentlich Erstbefall),
bestehend aus einer Anzahl Läsionen (Befall beim Zeitpunkt t = o)
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Fig. 5.1. Anfangsphase einer Epidemie. Limitierende Faktoren haben noch keinen Einfluss |
Anmerkung: in der Pathologie wird aber eher selten die Anzahl Läsionen
(Individuen) bestimmt, meistens die befallene Fläche als Anteil des
Wirtes (X). N wird mit X ersetzt.
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Fig. 5.2. Verlauf einer Botrytis cinerea-Epidemie auf Trauben; exponentielles Wachstum; limitierende Faktoren sind noch nicht sichtbar. Die Epidemien wurden verfolgt in 6 Parzellen die mit spezifischen Botryisfungizide zu verschiedenen Zeitpunkten der Blüte behandelt wurden und somit wurde das Anfangsinokulum verändert. Links, keine Behandlung, resp., Behandlung bei 20 oder 80% der Blüte, rechts, analog. (Data nach GESSLER und JERMINI 1985). |
Wir wissen aus eigener Erfahrung und aus empirischen Überlegungen,
dass sich eine Epidemie nicht endlos nach der Formel I entwickeln kann.
Irgendwann stabilisiert sich die Parasitenpopulation auf einem bestimmten
Niveau oder nimmt ab. Der Verlauf einer Epidemie ist demzufolge nicht exponentiell,
sondern sigmoid. Die Abflachung der Kurve in der zweiten Hälfte einer
Epidemie kann auf einen oder mehrere der folgenden Gründe zurückgeführt
werden (den Einfluss besonderer Massnahmen, die in der Landwirtschaft ausgeführt
werden, wie Fungizidspritzungen, berücksichtigen wir jetzt nicht):
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Fig. 5.3. Modelldarstellung einer polyzyklischen Epidemie (DENT & BLACKIE 1979)= |
Bei Epidemien, verursacht durch Pflanzenkrankheiten, nimmt man an,
dass der erste Faktor meistens von grösster Bedeutung ist. Am Anfang
ist das Angebot an geeignetem Wirtsgewebe unendlich gross im Verhältnis
zum vorhandenen Inokulum (z.B. Sporen). Die Epidemie nimmt nach der exponentiellen
Formel (V bis VII) zu.
Da meistens nicht die Anzahl Läsionen (N) (ev. Pflanzen oder cm2
befallener Fläche) gemessen wird, sondern der Anteil befallenes Gewebe
(oder Pflanzen) am gesamt vorhandenen Gewebe (K) (oder Anzahl Pflanzen),
verwendet man nicht diesen Wert (N), sondern N/K und nennt diesen Wert
X. Die Formel VII lautet danach dXt/dt = r*Xt (XIII). Der Wert X kann logischerweise nie grösser als 1 werden.
Bestimmte Krankheiten können bei geeigneten Bedingungen Epidemien
mit solchem Verlauf verursachen (Fig. 5.2).
Zu Beginn einer Epidemie ist der Anteil der Sporen, die auf schon befallenem
Gewebe landen, unbedeutend. Erst ab einem Befall von ca. 5% des gesamten
anfälligen Wirtsgewebes nimmt dieser Sporenanteil genügend zu,
so dass das exponentielle Wachstum der Kurve messbar verringert wird. Die
Krankheit vermehrt sich dadurch immer langsamer.
Diese Überlegungen stimmen bei einer Anzahl Krankheiten, welche
sich, ausgehend von einer Infektion, stark vermehren (Kapitel 8). Neue
Berechnungsarten und Überlegungen (VANDERPLANK 1982, 1984) weisen
jedoch auf die noch bedeutendere, zum Teil sogar determinierende Rolle
des "abnehmenden/ausgehenden" Inokulums (dwindling Inokulum)
hin.
Der Pilz Venturia inaequalis verursacht den Apfelschorf und
ist ein typischen polyzyklischen Erreger. Die Blätter aller Kultursorten
des Apfelbaumes besitzten eine mit dem Alter zunehmende Resistenz (otogenetische
Resistenz).
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Fig. 5.4. Verlauf einer Apfelschorf-Epidemie in einer Fungizid-unbehandelten Kontrollparzelle. Auswertung in % Befall der Triebe, Früchte und einzelne Blätter (ein Trieb galt als befallen, falls ein oder mehrere Schorfflecken auftraten; Daten Dissertation M.Bühler 1994) |
Ausgewachsene Blätter können nicht mehr befallen
werden. In Fig. 5.4 kann beobachtet werden, dass die Befallskurve der Blätter
weit unter 100% abflacht. die kann dieser Alterresistenz zugeschrieben
werden. Aendlich verhält es sich mit den Früchten. Betrachtet
man aber als Stichprobeneinheit ganze Triebe kann der Befall 100% erreichen.
Dies ist erklärbar, da an jedem Trieb bis zum Triebwachstumsabschluss
(Juni) immer neue, anfällige Blätter entstehen. Bei dieser Form
von Auswertung wird ein Trieb, Frucht, resp Blatt entweder als befallen
oder als gesund klassifiziert (Inzidenz, eng. Incidence)). Der wirkliche
Anteil (Befallsschwere, eng. Severity) an schon befallenen Gewebe
muss nicht festgestellt werden. Solche Auswertungen sind angebracht je
nach Befallsschwere. Bei niedrigem Befall ist die Inzidenz-Auswertung vorteilhaft
da der Zeitaufwand für die Erhebung eindeutig kleiner ist und trotzdem
eine gute Korrelation mit dem wirklichen Befall (Severity), welcher den
Schaden und das Inokulum für die exponentielle Vermehrung charakterisiert,
besteht. Bei höherem Befall ist die Inzidenz des Schorfes der Blätter
angebracht. Die Auswertung der Befallsschwere ist beim Schorf nicht gebräuchlich
und unter normalen Bedingungen auch nicht notwendig, da auch bei einer
nur minimalen Bekämpfung nie so grosser Befall auftritt. (Siehe auch
Kapitel 11)
5.2.2. Mathematische Darstellung einer Sigmoide.
Der Anteil kranken Gewebes, welches nicht mehr infiziert werden kann,
gewinnt an Bedeutung oberhalb eines Wertes von 0.05. Von diesem Wert an
muss die oben erwähnte Korrektur eingebaut werden.
Bis jetzt haben wir mit einer einfachen mathematischen Formel gearbeitet,
die jedoch einen grundlegenden Fehler beinhaltet. Es wurde angenommen,
dass das Angebot an gesundem, infektionsfähigem Pflanzenmaterial unendlich
ist. Wie wir aber schon am Anfang gesehen haben, ist dies nicht so. Wir
müssen die Reduktion des Anteils an gesundem Gewebe berücksichtigen.
Dies ist möglich, wenn wir die Formel V nach dem Anteil von noch vorhandenem,
gesundem, infektionsfähigem Gewebe (= l - X) korrigieren.
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Logit |
Fig. 5.5. Berechnete Befallskurven (nach Formel XI) mit verschiedenen r-Werten (0.3, 0.2, 0.1 und 0.05) und gleichem Anfangsinokulum (Xo = 0.001). Logit-Skala; gerade Linien, lineare Skala, Kurven |
Die Geschwindigkeit,mit der eine Epidemie zunimmt, ist nicht nur abhängig vom Aktivator
der Epidemie, sondern auch von der Fläche, die noch befallbar ist
(abnehmende carrying capacity), also dem gesunden, infektionsfähigen
Gewebe (1 - X). Sie nimmt mit zunehmendem Befall ab, da immer mehr Inokulum
auf schon befallene Blattfläche auftrifft und demzufolge nicht mehr
zu neuen Infektionen führt. Die einfachste Korrekturart ist multiplikativ
und muss die noch gesunde Blattfläche berücksichtigen. Da X die
Kranke ist, ist 1 - X die Gesunde.
Wir multiplizieren die Grundformel V mit (1 - X) und erhalten:
dXt/dt = r*Xt*(1-Xt) VII
Löst man die Ableitung auf, erhält man: ln (Xt/(1
- Xt)) = r*t + ln (X0/(1 - X0)
Dies ist die Gleichung einer Sigmoide. Wählt man als Skala des
Befalles ln (Xt/(1 - Xt), resultiert in der Darstellung
eine Gerade.
Zur Vereinfachung wird der Wert ln (X/(1-X)), Logit X genannt und kann
in den Tabellen gefunden werden.
Logit Xt2 = r * (t2 - t1) + logit Xt1 VIII
Die Steigung der Gerade ist demzufolge:
r = 1/t * (Logit Xt2 - Logit Xt1) IX
Die Gerade und ihre Steigung können somit berechnet werden; die zwei Punkte sind Logit Xt1, t1 und Logit Xt2, t2.
1. Berechnen des Logit-Wertes einer bekannten Befallsstärke: 40
von 120 Weizenblättern sind mit Braunrost befallen; sie weisen je
eine bis zwei Pusteln auf, die durchschnittlich 0.1% der Blattfläche
bedecken. Einen Monat später sind alle Blätter befallen und die
kranke Blattfläche wird auf 20% geschätzt.
Der Wert kann auch direkt aus den Logit-Tabellen abgelesen werden.
Dabei muss beachtet werden, dass alle Logit-Werte für X << 0.5
negativ sind, und dass alle Logit-Werte für X >> 0.5 positiv
sind und logit 0.5 = 0 ist.
2. Am ll. Mai l979 wurde in einer Semesterarbeit festgestellt, dass
in der Versuchsanlage Arenenberg eines von l00 Apfelblättern mit Schorf
befallen ist. Die durchschnittliche Befallsfläche betrug l0% der betroffenen
Blätter. Was ist der Logit-Wert des Befalles, bezogen auf die Blattfläche?
3. Blätter der Bäume der in Übung 2 erwähnten Anlage
wurden einen Monat später (30 Tage) wiederum auf ihren Befall mit
Venturia inaequalis untersucht. Bei Bäumen, die nicht mit einem
Fungizid behandelt wurden, waren 30% aller Blätter befallen, 20% der
Blattfläche wiesen Symptome auf. Was war die Zuwachsrate r der Krankheit
in dieser Zeit?
4. Falls die Krankheit weiter mit dem gleichen r-Wert zugenommen hätte,
wie wäre die Befallsstärke am l0. Juli gewesen?
5. Eine gezielte mehrfache Bekämpfung wurde nach dem ll. Mai durchgeführt,
dadurch wurde die Zuwachsrate des Schorfpilzes auf r = 0.02 reduziert.
Wie wird der Befall dieser Bäume am l0. Juni sein?
6. Wann wird an den in Übung 5 erwähnten Bäumen die
Befallsstärke 20% betragen?
Überlegen Sie sich, ob sich die Bekämpfungsmassnahmen gelohnt
haben.
Die Befallswerte X wurden mit der Formel ln(X/(1 -X)) transformiert
X-Werte über 0.5 sind positiv und können als 1 - X mit positiven
Vorzeichen aus der Tabelle gelesen werden.
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Log a |
Log b |
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