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9.2 Echter Mehltau (oidium, oidio, powdery mildew).

Uncinula necator (Schwein.) Burr. Erysiphales, Ascomycetes.

Das Ursprungsgebiet dieses Pilzes wird in Amerika vermutet. Er wurde 1845 von dort nach England eingeschleppt (endeckt von Tucker, darum zuerst als Oidium Tuckerii beschrieben) und verbreitete sich darauf rasch in ganz Europa (Fig. 4). Der bevorzugte Wirt ist Vitis vinifera, der Pilz kann aber auch die amerikanische V. lambrusca, V. aestivalis, V. rotundifolia, V. rupestris und V. california befallen.
Fig
Fig. 4: Epidemische Ausbreitung des Echten Rebenmehltaues in Europa von 1845 bis 1852 (nach Blumer, 1933)


Als besonders anfällig gelten Silvaner, Muskateller, Chardonnay, Cabernet Sauvignon. Die Krankheit tritt regelmässig in allen wärmeren Gebiete auf, in der Deutschschweiz eher sporadisch, und wird hier im Gegensatz zur Welschschweiz weniger gefährlich als der falsche Mehltau eingeschätzt.

9.2.1 Symptome

Alle grünen Teile können befallen werden. Zuerst wird ein Befall an den Triebspitzen und an jungen Beeren als mehliger, weiss-grauer Belag sichtbar. Der Pilz zerstört die Beerenhaut, das Innere wächst weiter. Die Beeren platzen und die Samen werden sichtbar (Samenbruch). Symptome auf den Blättern werden meist erst im Juli/August als öliger Glanz und weiss-grauer Belag auf der Blattoberseite erkennbar. Auf den Trieben kann man im September dunkelbraun-violette Streifen als Zeichen des Befalls beobachten.

9.2.2 Biologie

Zyklus ( Fig. 5.) Der Pilz überwintert als Mycel zwischen Knospenschuppen der letztjährigen Triebknospen und als Kleistothecien (1) mit 4-8 (in der Regel 6) Asci und je 8 (oft aber nur 4 bis 7) Ascosporen. Die Rolle der Kleistothecien ist lang unterschätz worden. In den letzen Jahren ist aber erkannt worden dass sie auch in nördlichen Gegenden Europas (Deutschland, nördliche Schweiz) sowie in Kalifornien eine Rolle bei den primären Infektionen spielen. Die Verbreitung während der Vegetationszeit wird durch Konidien (2) gesichert, welche durch Wind verfrachtet werden. Sie keimen bei Temperaturen zwischen 6-33 Grad Celsius (Optimum je nach Isolat zwischen 20-27 Grad Celsius) und bei einer relativen Luftfeuchtigkeit über 80%. Ein Wasserfilm muss für die Keimung nicht vorhanden sein. Je nach Temperatur beträgt die Inkubationszeit 7-14 Tage; die Latenzzeit ist ungefähr gleich lang (minimal 5 Tage). Temperaturen über 33 Grad Celsius töten oder hemmen die Entwicklung von Mycel und Konidien. (Die Temperaturen auf der Blattober- resp. Blattunterseite können recht unterschiedlich sein, bedingt durch die Blattexposition Sonne oder Schatten). Das Mycel ernährt sich mit Haustorien in den Epidermiszellen, bleibt aber ausserhalb des Gewebes (3). Es kann nicht auf totem Gewebe überleben (obligat biotropher Parasit).
Direktes Sonnenlicht verlangsamt sein Wachstum, diffuses Licht hingegen fördert es. Konidien, die bei ca. 20 Grad Celsius gebildet werden, sind am vitalsten; darum ist die Krankheit auch besonders gefährlich bei feucht-warmem Maiwetter.
Fig
Fig. 5: Entwicklungszyklus von Uncinula necator.

9.2.3 Bekämpfung

Vorbeugend: Reben sollten luftig gezogen werden (Laubarbeit). Mechanischer Schnitt, welcher viele Knospen lässt, könnte das Anfangsinokulum stark erhöhen. Auslauben, zurückhaltende N-Düngung und Wässerung vermindern die Prädisposition.
Chemisch:
Da der Pilz oberflächlich wächst, wirken Mittel, die nicht in das Gewebe eindringen, auch nach einer Infektion. Hauptsächlich werden Schwefel und Ergosterolbiosynthese-Hemmer verwendet. Schwefel kann bei höheren Temperaturen (38 Grad Celsius) Verbrennungen verursachen, allerdings ist seine Wirkung umso besser, je höher die Temperatur ist. Normalerweise sind drei Behandlungen notwendig, da sie auch gegen andere Pilzschädlinge eine gewisse Wirkung haben. Diese spezifischen Behandlungen werden nach der Blüte, bei Erbsengrösse der Trauben und schliesslich bei Reifebeginn ("Véraison", Beginn der Verfärbung) durchgeführt. Häufig wird bei einer Frühjahrsbekämpfung anderer Pathogene in bekannten gefährdeten Lagen Netzschwefel zugesetzt. Kupfermittel, eingesetzt zur Plasmopara-Bekämpfung, haben eine gute Nebenwirkung auf den echten Mehltau, einerseits direkt, andererseits dank ihrer gewebehärtenden Wirkung, welche Zellwandpenetration und Ausdehnung im Blattgewebe verlangsamt

 

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© 2013 ETH Zurich | Imprint | Disclaimer | 14 April 2011
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